Panel „Werte & Prinzipien“

Published by Julia Wilms on

Thomas Franke, Weltreporter
Charlotte Gnändiger, ARD-Morgenmagazin
Cristina Helberg, CORRECTIV
Leonhard Ottinger, RTL-Journalistenschule
Paul Schulte, Ultralativ
Minh Thu Tran, Rice & Shine

Medien und Wahrheit: Beziehungsstatus kompliziert.

In welchem Zustand befindet sich „Wahrheit“? Wie gehen Journalistinnen und Journalisten mit dem Vorwurf um, nicht ausgewogen zu berichten? Welche Maßnahmen ergreifen sie, um „Wahrheit“ zu verteidigen und was hat das für einen Einfluss auf die journalistische Ausbildung? Diese und andere Fragen rückt das Panel „Werte und Prinzipien“ in den Fokus.

Foto: July Lemos Oliveira

Die Wertschätzung von Wahrheit lässt an vielen Stellen nach. Darüber sind sich alle Teilnehmer/innen in der Runde einig. Der Auslandskorrespondent Thomas Franke stellt fest: „Die Wahrheit war immer bedroht.” Die Verbreitung zweifelhafter Inhalte durch moderne Kommunikationswege werde allerdings sehr viel leichter. Charlotte Gnändiger, die stellvertretende Leiterin des ARD-Morgenmagazins, sagt selbst, dass sie lieber über „Fakten“ als über den schwierigen Begriff „Wahrheit“ rede, da letzterer recht unterschiedlich ausgelegt werde. Es seien die Fakten selbst, die in Gefahr gerieten, da sie von vielen nicht mehr als solche anerkannt würden. „Wenn wir uns den Claim ‚Wahrheit. Alternativlos‘ auf die Sendung schreiben würden, gäbe es richtig Ärger.“

Die Gefahr des wachsenden Zeitdrucks in den Medien im Allgemeinen und im Nachrichtenjournalismus im Besonderen stellt Minh Thu Tran, eine der beiden Gründerinnen des Podcasts „Rice&Shine“, in den Vordergrund: „Im täglichen Druck geht die Fähigkeit verloren, Fakten doppelt zu checken. Die Zeit, noch mal Informationen zu holen, ist nicht da. Ich fände es hilfreich, wenn wir in allen Redaktionen Faktchecking-Teams hätten.“

Wenn es um die Erkennen von Fakten gehe, komme es zunehmend auf die Medienkompetenz der Nutzer/innen an, sagt Cristina Helberg, Faktencheckerin von CORRECTIV. Diese Meinung teilt auch Paul Schulte, Gründer des Youtube-Kanals Ultralativ. Er setzt mit seinem YouTube-Channel daher auf aufklärerische Arbeit über Social Media, denn „durch soziale Medien gibt es ein neues Spielfeld, um Unwahrheiten zu verbreiten“.

Wahrheit gleich „Das habe ich selbst gefunden“?

July Lemos Oliveira

Kommunikation und Aufklärung zählen zu den wichtigsten Aufgaben, die den Medien heutzutage zukommen. Charlotte Gnändiger sieht das als Teil ihrer beruflichen Aufgabe. Sie erzählt, dass „das habe ich selbst gefunden“ für viele ein Beweis für einen Fakt geworden sei – hätten sie doch selbst recherchiert und seien auf etwas gestoßen, was so in den etablierten Nachrichten nicht berichtet wurde. Auch die Frage nach einer immer ausgewogenen Berichterstattung stellt Journalist/innen in der heutigen Zeit vor eine Herausforderung. Ein Ansatz, Berichterstattung auch über Situationen und Gruppen zu gewährleisten, die bislang weniger oft medial sichtbar werden, ist: größere Diversität in den Redaktionen.

Minh Thu Tran erzählt von der Ankündigung einer Sendung, in der die Finanz-YouTuberin Hazel auftreten sollte; zur Bebilderung der Ankündigung wurde kein Foto von ihr, sondern eins von der Wissenschafts-YouTuberin und Quarks-Moderatorin Mai Thi verwendet. Minh Thu Tran verweist leicht ironisch darauf, dass Menschen der einen Ethnie manchmal Schwierigkeiten hätten, Menschen „anderer“ Ethnien zu unterscheiden. Dies führe manchmal zu Aussagen in der Art von: „Asiaten sehen alle gleich aus.“ Solche Vorurteile würden geringer, wenn Redaktionen diverser würden.

Auf Diversität angesprochen sagt Leonhard Ottinger von der RTL-Journalistenschule, dass er an manchen Stellen schon recht zufrieden sei, etwa was die Aufnahme von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund betreffe: „Aber sonst bewegen wir uns in einem akademischen, großstädtischen Hintergrund. Die soziokulturelle Vielfalt, die auch Deutschland ausmacht, die haben wir noch nicht erreicht.“

Offenheit, Transparenz und Mut

Foto: Natalia Messer

Wie sieht eine Idealredaktion aus? Es braucht „eine mutige Redaktion, die sich nicht einschüchtern lässt“, so Charlotte Gnändiger. Auch Transparenz sei ein Faktor, der die Qualität einer Redaktion beeinflusse, meint Cristina Helberg – auch wenn dies ihre eigene Aufgabe als Faktencheckerin auf Dauer überflüssig machen könnte … Für Paul Schulte liegt der Fokus vor allem auf Social Media: „Klassische Medien sollten sich trauen, mit Influencern zusammenzuarbeiten, um die Inhalte für eine bestimmte Zielgruppe aufzubereiten.“  

Kompetenz fängt in der Schule an

Foto: July Lemos Oliveira

Die Vermittlung von notwendiger Medienkompetenz, um Wahrheit und Fakten von Falschmeldungen und manipulierten Inhalten unterscheiden zu lernen, sehen die Panelist(inn)en vor allem als Aufgabe der Schule. Medienkompetenz (von den Teilnehmenden auch Medienkunde oder Influencer-Kunde genannt) gehöre auf den Lehrplan, doch noch sei hier zu wenig passiert. Paul Schulte berichtet von Veranstaltungen, auf denen er mit Schülern im Alter von 12 bis ca. 19 Jahren gesprochen hat. Fazit: “Niemand hat zu uns gesagt: Ich hatte gute Inhalte zu sozialen Medien im Unterricht.”

So stellt Thomas Franke fest: „Medienkompetenzvermittlung besprechen wir seit den 80er Jahren, da sind wir noch nicht viel weiter gekommen.“ Er selbst geht im Rahmen eines Zeitungsprojekts an Schulen und trifft dort auf viel Neugier auf den Journalistenberuf und durchaus auch auf tiefgängige Kenntnisse über Medien. Er nennt aber auch als Beispiel, dass er die Schülerinnen und Schüler gefragt habe, welche Alerts sie eingerichtet hätten, um ihnen dann zu sagen, wie viel ihnen in ihrer Blase an anderen Inhalten entgehe.

In diesem Kontext sagt Thomas Franke, dass sich die Republik früher um ein Lagerfeuer geschart habe: Dies waren die Tagesschau oder die heute-Sendung. “Wie bringen wir quasi dieses Lagerfeuer, in dem die Gesellschaft eine Basisinformation hat, auf der politische Kommunikation stattfinden kann, zurück zu den Leuten – oder wie bringen wir die Leute dazu, sich genau das zu holen?”

Fazit: Wahrheit in den Medien so zu vermitteln, dass sie als solche akzeptiert wird, darin sehen alle Panel-Teilnehmer eine unverzichtbare Aufgabe, aber auch eine große Herausforderung. Noch lautet der Beziehungsstatus: Es ist kompliziert.

Von Tessa vom Hagen und Pia Grundmann